15 July 2012

Autodesigner (Gorden Wagener Interview)



"Mercedes-Design ist Kunst"

Mercedes-Designchef Gorden Wagener spricht mit den auto motor und sport-Redakteuren Birgit Priemer und Harald Hamprecht über die kommende Generation des Mercedes CLS, die neue Design-Philosophie und ihren hohen Anspruch.
Auf dem Pariser Automobilsalon werden Sie die Weltpremiere des neuen Mercedes CLS feiern. Ist das der offizielle Startschuss für eine neue Mercedes-Designphilosophie?
Gorden Wagener: Ja, schon im Januar auf der Detroit Motor Show haben wir dieses Thema angedeutet - mit einer lebensgroßen Skulptur, die einen ersten Ausblick auf den neuen CLS gegeben hat. Warum Skulptur? Weil wir ganz pur die ästhetische, visuelle Sprache in den Vordergrund stellen wollten. Ein zweiter Aspekt: Eine Skulptur ist etwas künstlerisches, ja museales. Für uns ist Mercedes Benz-Design automobile Kunst. 
Ein hoher Anspruch.
Wagener: Ja, aber wir sind aufgrund unserer langen Historie und Markenstärke einer der wenigen Automobilhersteller, die so etwas authentisch behaupten können.
Was sind die Eckpfeiler der neuen Design-Philosophie? Was unterscheidet sie von der alten?
Wagener: Unsere weiter entwickelte Designphilosophie geht Hand in Hand mit der Kernaussage unserer  Marken-Philosophie - "Das Beste oder Nichts". Denn Design ist das Medium, das die Marke inszeniert. Und natürlich setzen wir auf Evolution. Deswegen repräsentiert Mercedes-Design immer gelernte Werte wie Sicherheit und Qualität. Aber auch neue Werte, wie Ästhetik. Wir verfolgen ein klassisches Schönheitsideal. Wir wollen die schönsten, sinnlichsten und stillvollsten Autos bauen.
Welche Rolle spielt Sportlichkeit?
Wagener: Bei uns gibt es im Vergleich zum Wettbewerb eine stilvolle Sportlichkeit; sie ist eben nie laut, sondern immer subtil, denn Understatement ist für unsere Marke und unsere Kunden passender, als ein aggressiver oder gar krawalliger Auftritt. Wir sind global die etablierteste Luxusmarke überhaupt. Wir haben quasi nicht nur den Vorsprung durch Technik, sondern auch durch Marke und ihre sportlichen Leistungen und Fahrzeuge aus der Vergangenheit. Dieses Fundament visualisieren wir durch Design.
Wie?
Wagener: Wir behalten die Schärfe der Linien unserer heutigen E-Klasse, verbinden sie aber mit geschwungeneren, sinnlicheren, und dadurch noch ästhetischeren  Linien - ein Schönheitsideal, wie es schon Michelangelo verfolgt hat. Denn Mercedes-Design ist Kunst.
Gilt das für alle Segmente?
Wagener: Der SLS ist der erste Sportwagen der unsere weiter entwickelte Formensprache in Reinkultur zeigt. Wir sehen hier eine etwas andere Ausprägung aufgrund einiger historischer Attribute, wie der Flügeltüren. Der SLS AMG ist aber kein Retro-Modell, sondern eine Neuinterpretation. Der SLS zeigt schon sehr gut unser neues Markengesicht, das auch im neuen CLS wiederzufinden ist. Inspiriert vom traditionellen SL-Grill, des ersten modernen Mercedes-Grill, den es überhaupt gab. Wir werden in Zukunft mehr Fokus auf Marken-Homogenität legen. Sprich die Klammer der gleichen Parameter wird in Zukunft größer, wir setzen weniger auf Diversität in den einzelnen Fahrzeugausprägungen.
Das klingt nach der Audi-Designstrategie?
Wagener: Ganz und gar nicht. Wir - und das macht uns einzigartig - behalten einen eigenen Charakter pro Produkt und Produktgruppe. Denn wir wollen keinen Einheitsbrei über alle Baureihen hinweg liefern.
Welche Rolle spielt das Motto "Green Luxury"?
Wagener: Das grüne Gewissen spielt auch beim Design eine entscheidende Rolle. Denn New Luxury ist grün. Grün ist ein essentieller Teil des Luxus. Offener, zeitgemäßer, weniger abgrenzend, sozial akzeptiert. Luxus gibt es in Zukunft nicht mehr ohne grün, ohne social and political correctness. Man zeigt Verantwortung. Das geht Hand in Hand mit unserer Offensive bei alternativen Antrieben. Mercedes wird schon bald Umweltweltmeister im Luxus- und Premium-Automobilbereich sein.
Wie drücken Sie das aus?
Wagener: Mit unserem Konzeptauto Blue Zero haben wir das schon gezeigt. Und das drücken wir aus mit geschwungenen Formen, die aus der Natur inspiriert sind, und sich in Aerodynamik und Effizienz äußern. Der Eindruck: das Auto geht - salopp gesagt - leicht durch den Wind. Auch die Detroit-Skulptur zeigt diesen "Flow". Dabei müssen wir als Technologieführer aber auch technisch aussehen. Das ist eine Symbiose - aus Effizienz und Schönheit, die sich auch aus historischen Fahrzeugen unserer Marke ableiten lässt.
Welche?
Wagener: Schauen Sie auf das Car-Design der 30er Jahre, die für mich zu den schönsten automobilen Epochen zählen. Inspiriert vom Art Deco, der Belle Epoque und dem Streamline-Design entwickelten sich Formen, wo man gedacht hat, das ist Aerodynamik pur! Ist es zwar nicht, aber es sah so aus. Mercedes hat tolle Autos in dieser Epoche entworfen und gebaut, wie den 500 K, den sogenannten Autobahnkurier. Das sind die heutigen Gewinnerautos von diversen Concours d’Elegance. Die Signatur der Seite zeigt eine "Dropping Line", ein typisches Stilmittel aus dieser Dekade. Wir interpretieren diese Linien heute stilistisch. Dadurch werden unsere Automobile am Ende des Tages sportlicher, aber auf eine besonders stilvolle, ausbalancierte Weise.
Abgesehen von Aerodynamik: Was sind weitere Design-Schlüssel, um Umweltfreundlichkeit zu transportieren?
Wagener: Wir denken nicht an eigene "grüne" Karosserievarianten, falls Sie das meinen. Die wichtige Frage ist, wann werden alternative Antriebe zur Normalität? Wann muss ich differenzieren, oder nicht? Wenn kein Verbrennungsmotor mehr unter der Haube arbeitet, brauche ich vorne nicht mehr soviel Platz. Damit beschäftigen wir uns in unseren Advanced Design Studios. Die Möglichkeiten und Mittel sind zahlreich, um grüne Signale über das Design zu senden. Schauen Sie den Smart Fortwo an, der heute wie kaum ein anderes Auto für Umweltverträglichkeit steht.
Bleibt die Tridion-Zelle im Smart-Design enthalten?
Wagener: Wir schließen nichts aus. Denn das Element ist sehr wichtig, aber es engt auch ein. Man ist sofort in einer evolutionären Schiene. Aber die Marke erlaubt in jeder Hinsicht viele Ideen.
Wie verhindern Sie die Fehler des alten Smart ForFour?
Wagener: Dieses Fahrzeug wurde auf einer Mainstream-Plattform von Mitsubishi gebaut. Jetzt werden wir die Plattform selbst layouten. Das ist ein ganz anderes Konzept. Keine two-box-Plattform, sondern smartige Proportion dank eines technischen Konzepts mit Heckmotor. Ich verspreche Ihnen hier ein authentisches Design.
Wie viel Zeit bringen Sie für Maybach auf?
Wagener: Maybach schauen wir uns strategisch an. Es gibt natürlich naheliegende Geschichten, wie einen Baby-Maybach. Die Frage ist aber, wie sinnvoll und wirtschaftlich das wäre. Da gibt es viele Pros und Cons. Es wäre eine tolle Aufgabe, aber was wäre das bessere Auto: der kleine Maybach - oder die S-Klasse, die schon die Krone des Automobilbaus ist?
Design-Trendsetter, wie Peugeot, sind lange Jahre Meister des aufgerissenen Mauls gewesen und rudern jetzt zurück. Können Sie sich vorstellen, bei den Kühlermasken kleiner zu werden?
Wagener: Kühllufteinlässe sind wichtig, bei allen Downsizing-Tendenzen. Es ist eine landläufige Meinung, dass vielleicht der Grill in Zukunft kleiner wird oder gar geschlossen, wobei das mehr mit Psychologie, als mit echter Effizienz zu tun hat. Umweltfreundlichkeit ist nicht das einzige Thema, das über das Design vermittelt werden muß. Wir müssen auch an Status, an einen gewissen Auftritt denken.
Welche Markenwerte sollen durchs Design visualisiert werden?
Wagener: Qualität, Status, Umweltverträglichkeit und ebenfalls Sicherheit, wobei wir uns vom monolithischen Block, der nur die letztere Eigenschaft auszudrücken vermochte, verabschiedet haben. Daneben aber stillvolle Sportlichkeit, Sinnlichkeit, Schönheit, new luxury - und vor allem das Ganze zu einem Stil des Hauses zusammen gefasst, der ein Mercedes-Benz Stil ist - und Synonym für Stilsicherheit. Die kaufe ich mir nämlich mit einem Luxusauto von Mercedes.
Werden Sie noch mehr Gedanken aus der Vergangenheit ausgraben - wie den Flügeltürer?
Wagener: Mercedes wird niemals Retro-Modelle bauen, höchstens moderne Interpretation wie beim SLS. Der ist eben ein flacher Sportwagen mit einer langen Haube. Aber auch G-Modell ist nach wie vor eine Ikone, die man vorsichtig neuinterpretieren könnte.
Jeder Mercedes hat ein Gesicht - und die Augen sind die Scheinwerfer. Gibt es da Änderungspläne?
Wagener: Es wird neue Augen bei Mercedes geben. Die Scheinwerfer sind ein integraler Bestandteil unserer Designphilosophie - wir haben dafür eine eigene Scheinwerfer-Strategie entwickelt. Weil die Identität und Persönlichkeit eines Autos durch seine Frontpartie, also sein Gesicht definiert wird: mit Augapfel, Augenbrauen. Wir fragen uns: Wie bringe ich LED-Technologie unter? Wir werden hier differenzieren in Typen und Segmenten. Die Tuben wird es aber noch lange geben, bis LED-Leuchten sie ersetzen. Ich persönlich schätze sie. Denn solche Tuben sind wie Augäpfel - sie haben etwas Menschliches. LED-Leuchten indes wecken Assoziation von Tieren, wie Schlangen, Katzen, die flache Pupille haben. Reine Schlangenlinien werden sich bei Mercedes nicht durchsetzen.
Der VW-Chefdesigner d`Silva meint, Design sei wichtiger als Werbung.
Wagener: Das kann ich nur unterstreichen. (Lacht.) Design ist die Inszenierung aller Markenwerte. Design geht Hand in Hand mit der Markenphilosophie. Unser Vertriebs- und Marketing-Vorstand Joachim Schmidt, der Hüter der Marke, und wir arbeiten als Partner deswegen toll zusammen. Wir verfolgen die gleichen Interessen.
Warum gibt es dann einen Marketing-Vorstand und keinen Design-Vorstand?
Wagener: Gute Frage. Stellen Sie die doch mal dem Aufsichtsrat. (Lacht.)
Gibt es auch Interior-Trends?
Wagener: Die gleichen Werte wie im Exterior wollen wir auch im Innenraum widerspiegeln. Gestalten dürfen wir hier natürlich immer mehr Displayfläche. Damit gewinnt das ganze Thema Interface Design ungemein an Bedeutung. Wir packen immer mehr Information auf Displays. Und die müssen wertig dargestellt werden.
Planen Sie die Integration des Apple I-Phones oder iPads als Bildschirm?
Wagener: Ein aufgesetzter Bildschirm im Look und Feel eines iPhones hätte sicher eine Menge an Gründen, die dafür sprechen. Röhren-Fernseher wurden auch durch Flatscreens abgelöst. Deswegen graben wir Bildschirme nicht mehr ein in die Mittelkonsole. Wir denken daran, flache Bildschirme herauszustellen, frei schwebend in der Optik von trendy Consumer Electronics, ganz egal von welchem Hersteller sie nun kommen mögen.
Wäre eine Kooperation mit Apple sinnvoll?
Wagener: Ich wollte mich schon immer mal mit Steve Jobs treffen. Das ganze Leben wird webbasierter. Wir haben deswegen eine eigene Telematikforschung in Palo Alto, die so etwas entwickelt. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis wir das flächendeckend ins Auto bringen. Das große Thema ist hier die Infrastruktur. So wie ein Wasserstoffnetz für Brennstoffzellen. Ohne Infrastruktur macht das keinen Spaß und keinen Sinn. Generell gilt für einen Mercedes-Innenraum: wir setzen auf eine noch ruhigere, wertigere, stilvollere, zeitlosere Gestaltung. Auf mehr Perfektion. Mehr Welcome-Home-Feeling. Der Fahrer muss sofort erkennen, ich sitze im Mercedes. Egal in welchem Segment..
Wie viele Mitarbeiter haben Sie im Design weltweit?
Wagener: Mehr als 400 in Sindeflingen, 100 in den Studios, plus 60 bei Truck Group weltweit.
Wird sich diese Zahl erhöhen?
Wagener: Wir haben auch im Design Effizienzziele. Und da ist es eine normale Managementaufgabe, das Budget kontinuierlich zu optimieren. Ich könnte natürlich mehr Leute gebrauchen, aber wir sind gut aufgestellt. Dabei sparen wir gewiss nicht an der Zukunft. Und Zukunft ist Design. Bestes Beispiel: Das China-Advanced Design Studio befindet sich gerade im Aufbau, um neben Tokio ein zweites Standbein in Asien zu haben.
Audi hat Touch-Pad zum Eingabe von Zeichen. Auch bei Mercedes geplant?
Wagener: Wir haben einen exzellenten Dreh-Drück-Steller. Das ist das Beste, was man heute machen kann und das wird auch durch JD-Power-Ergebnisse belegt. Ob man zusätzlich genau so ein Touch-Pad braucht, ist die Frage, die wir zum Beispiel mit unseren Überlegungen im Innenraum des Showcars F800 Style beantworten möchten. Schauen Sie sich das doch einmal an!

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